postheadericon Glasscheiben zwischen zwei Welten

Von Geldspezialisten und Affen in Frankfurt am Main. Das Frankfurter Leben kreist um den Main. Auf der einen Flussseite die «Dippesmess», ein Jahrmarkt mit Riesenrad und Apfelwein, auf der anderen die Museen am Schaumainkai. Ein Rundgang.

 

Fünf Banker sitzen auf einer Holzbank vor einem schicken veganen Laden und schauen in ihre Salatschüsseln. Eng aneinander gedrängt wie Vögel auf der Stange, in ihren typischen, zu kleinen blauen Sakkos. Davor ein Obdachloser, der sich aus einem Mistkübel Reste angelt. Wenn man dem Obdachlosen Essen in die Hand drückt, sperren die Banker Augen und Münder auf, überraschter als der wilde Mann mit dem roten Bart. Als ob es unsichtbare Glasscheiben zwischen den zwei Welten gäbe: Banker und Obdachlose – die ignorieren sich nicht einmal, würde man in Österreich sagen. Leben aber nebeneinander her, ihre Wege kreuzen sich ständig.

Großstadt Frankfurt – das Bahnhofsviertel geht ziemlich plötzlich in die Banker-Areale über. Die lebhafte Münchener Straße mit ihren türkischen Läden stößt, ausgehend vom Hauptbahnhof, auf die parkähnliche Taunusanlage, die bis zur wiederaufgebauten Alten Oper hinaufführt. «Die Taunusanlage war während der Occupy-Bewegung besetzt», erzählt Frau Kraus, «da lebten viele Obdachlose zwischen den Demonstranten. Dann ist die Gegend aber ziemlich schnell verkommen und es wurde geräumt.» Carola Kraus besitzt ein altes, denkmalgeschütztes Werkstättengebäude neben dem Hauptbahnhof, in dem griechische Pelznäher arbeiteten und das heute eine Pension ist. Sie war die Einzige, die protestierte, als 1989 das höchste Hochhaus Europas mit 310 Meter neben den Bahnhof gebaut werden sollte, das auf ihre Pension Schatten geworfen hätte. «Als Nachbarin mit Eigentum hatte man das Recht, Nein zu sagen, und ich sagte Nein», spielt Kraus ihr Engagement vor Gericht achselzuckend herunter. Jetzt wird ein riesiges Hotel gebaut. Gegenüber der Baustelle vor einem kleinen Laden sitzen alle möglichen gestrandeten Menschen. Roma-Frauen in bunten Röcken, die deutschen Männern nachgehen und die ausfragen. Afrikanische Jungs und polnische Bauarbeiter, die sich einen extra starken Bauarbeiter-Gürtel der Marke «Zhanbeiku Army» kaufen. Mit Metallschloss.

Eisschollen auf dem Main

In der Früh im Park am Baseler Platz drei junge Afrikaner, die sich die Augen reiben, und friedlich in der Sonne liegen, langsam munter werden. Über die Brücke und den Fluss Main kommt man zum Schaumainkai, an dem die Museen liegen. Lange Ruderboote neben riesigen Kohletransportern auf dem träge dahinfließenden bräunlichen Fluss. Im Städelmuseum kann man sich Max Beckmanns Bild «Eisgang» aus 1923 anschauen, auf dem Eisschollen auf dem Main treiben, wie seltsame Fische, die aus der Ferne kommend an der Stadt vorübertreiben. 1919 malte Beckmann die Synagoge, die 1938 in Brand gesteckt wurde, und nach dem Krieg «mit öffentlichen Straßensammlungen, beispielsweise an der Hauptwache, renoviert» – wie neben dem Gemälde steht. «Noch lange nach Mitternacht konnte man den Maler Max Beckmann im leeren Saal des Restaurants im Frankfurter Hauptbahnhof antreffen», erfährt man im Katalog. Auch dass «1937 insgesamt 680 Werke des Museums als entartet konfisziert wurden». «Das Einzige, was wir haben, ist die Realität unserer Träume in den Bildern», schrieb Beckmann in sein Tagebuch. Das Städel kaufte von jüdischen flüchtenden Sammler_innen und musste so einiges restituieren. Vom Maler Ernst Ludwig Kirchner, den schon der Erste Weltkrieg so in Angst und Schrecken versetzte, dass er in ein Sanatorium im Taunus übersiedeln musste, sind Holz-Skulpturen zu sehen. Den Stil schaute er sich von der Kunst Polynesiens ab. Denn Kirchner war Stammgast in den Völkerkundemuseen und den schrecklichen «Völkerschauen», bei denen echte Menschen ausgestellt wurden, wie zum Beispiel 1910 in Dresden auf der «Völkerwiese» im Zoologischen Garten.

Ein paar Villen weiter vom Städel, im schönen «Museum für Kommunikation», dem ehemaligen Postmuseum, kann man bei der Redewendungen-Ausstellung erstaunt feststellen, dass «08/15» ein Maschinengewehr war, an dem eben jeder Rekrut lernte. Dass der mörderische «Spießrutenlauf» der Landsknechte erst im 19. Jahrhundert abgeschafft wurde oder dass Adelige Bauern als «Flegel» bezeichneten, nach ihrem «groben Werkzeug zum Dreschen».

Nicht so aufgemaschelt

Am Goethehaus vorbei, quer durch die Fußgängerzone, am Markt bei der Konstablerwache entlang, kann man in den Frankfurter Zoo gehen. Der Tiergarten ist sehr grün, ein bisschen altmodisch und nicht so aufgemaschelt wie in Schönbrunn. Die Erklärungs-Tafeln sind wunderlich-wundervoll und manchmal beinahe literarisch gehalten. «Trampeltier. Die liebe Verwandtschaft, ihr Familienname ist: Kamel!» Im Affenhaus steht mit einem Spiegel dabei: «Das Erbgut der Bonobes stimmt zu 98,4 Prozent mit dem Menschen überein.» Und groß darüber: «Ohne Ehrfurcht vor dem Leben hat der Mensch keine Zukunft.»

Straßenzeitungsverkäufer war übrigens selbst am Bahnhof kein einziger zu entdecken, dafür aber noch eine ästhetisierende Fotoausstellung aller deutscher Flüchtlings-Unterkünfte im Architektur-Museum. «Das Volk» amüsierte sich inzwischen bei deutlich kühleren Temperaturen als in Wien auf der Frankfurter «Dippemess», einem Jahrmarkt mit Riesenrad, Autodrom und «Äbbelwoi» direkt am Mainufer.

Fotos: Paul Kellermann (1960er Jahre)

Ersterscheinung im Augustin, 27. 9. bis 10. 10. 2017

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