postheadericon Die unwirkliche Wirklichkeit

Schön und traurig: Das Leopold-Museum zeigt Bilder von Zoran Music.

Zoran Music in seinem Atelier in Venedig

„Sein Thema war es, in der Finsternis Leuchtpunkte zu finden“, sagt der Kurator, „Beziehungspunkte, Bezugspunkte“. Denn der Maler Zoran Music, dem gerade im Wiener Leopold Museum ein ganzes Stockwerk gewidmet wird, war Überlebender des KZ Dachau. Unter dem Verdacht ein Spion zu sein, in Ljubljana verhaftet, konnte Music sich entscheiden an die Front oder in das Konzentrationslager zu gehen. Er wählte Dachau. Nach dem Karst im slowenischen Gebiet, der Akademiemalerei in Zagreb und Bilder von Spaniens karger Landschaft, zeichnete Zoran Music fortan also dort. Viele seiner Bilder musste er selbst wieder zerstören – sie aufzubewahren wäre zu gefährlich gewesen. Er arbeitete zwölf Stunden am Tag als Dreher in einer unterirdischen Munitionsfabrik und überlebte auf diese Weise. Er male nicht dokumentarisch, sagte Music selbst Jahre später, sondern um selbst überleben zu können, um zu begreifen, dass er Subjekt ist.

„Music kultivierte ein System der Verdrängung, weil die Wirklichkeit unwirklich ist. Erst 1959 erhielt Music wieder ein Einreisevisum für Dalmation, seine große Sehnsuchtslandschaft. Von da an malt er blasse, schüchterne Bilder, als ob er erst wieder zur Malerei zurückkehren würde.“ Überhaupt fällt die Farbigkeit auf – Brauntöne, Erde, Lehm. Zwei etwas abgetrennte Räume sind direkt den Konzentrationslagern gewidmet. Dort sollte beim Eingang eigentlich eine Trigger-Warnung stehen – und eine Altersbegrenzung für Kinder. Eine junge Frau, deren Großeltern die Verfolgung durch die NationalsozialistInnen überlebten, ist schon während der Pressekonferenz zur Ausstellung den Tränen nahe.

Frauen auf dem Weg zum Markt

„Music zeigte den Wunsch, das Geschehene ins Archaiische zu übertragen, seine blauen Pferdchen und andere Tragetiere erinnen an uralte Höhlenmalerei“, beruhigt der Kurator, doch die Bilder vom Krieg in Vietnam triggerten Music im späteren Leben und er startete den Zyklus „Wir sind nicht die Letzten“. Die fröhlichen Farbpunkte-Bilder von Cortina aus den 70er Jahren sind leider nicht ausgestellt, dafür die Altersporträts, in denen sich der Maler selbst auflöst – in Striche vergeht.

 

Ersterscheinung im Augustin, 25. 4. – 8. 5. 2018

Bild und Foto. Zoran Music: Frauen auf dem Weg zum Markt 1949/Zoran Music im Atelier in Venedig/Leopold Museum

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