postheadericon Bilder sind Worte, Worte sind Bilder

Kabbalah und zeitgenössische Kunst im Wiener Jüdischen Museum: Rabbiner verwarfen sie, doch die Kabbalisten holten die Bilder zurück. Aus diesem Grund verbucht die Kabbalah einen bis heute andauernden Erfolg, auch bei zeitgenössischen KünstlerInnen. Das Jüdische Museum widmet sich nun dieser Verbindung in einer Ausstellung.

Ghiora Aharoni – (C) wulz.cc

„Zuhause in New York in meinem Atelier habe ich echte Rosenblätter und wechsle die jede Woche aus. Jedes Mal, wenn die verwelken und sterben, streue ich neue. Das ist wie ein Ritual des Wechselns. Die Skulptur ist fast am Leben und im Leben.“ Der Künstler Ghiora Aharoni beugt sich herunter und deutet auf die fragile Basis seiner Skulptur „What’s in the Rose“ (2017). „Diese Rosenblätter hier im Museum bestehen aus Seide. Ich benutzte den ersten Satz des Buches Zohar, den Beginn der Kabbalah. Die Rose kann stärker sein als Metall, aber Metall zerstört die Welt.“ Im Wiener Jüdischen Museum ist die Ausstellung „Kabbalah“, die sich auf diese mystische Tradition des Judentums bezieht, ganz im Dunkeln gehalten. Das wenige Licht in den schwarzen Räumen verändert sich, dadurch scheinen auch die Objekte veränderlich. Ziemlich mystisch. Es ist erstaunlich, wie es das Museum immer wieder schafft, die Ausstrahlung der Räume komplett zu verändern. In seiner Skulptur aus Glas und Reagenzgläsern, auf der Wörter stehen, die nur von innen zu lesen wären, geht es um die Kreation von Licht, sagt Aharoni noch. Dann folgt eine komplizierte Erklärung, warum in Judentum und Islam die Wörter keine Symbole bedeuteten, da beide Religionen „antiikonisch“ seien und die Buchstaben selbst zu Bildern würden. Deswegen würde Schrift in seiner Skulptur nicht mit dem Aleph beginnen, sondern mit dem zweiten Buchstaben im hebräischen Alphabet, dem Beth. Beth stehe als Symbol für „viele andere Anfänge“ (auf Englisch: „many beginnings“), von denen wir aber nichts wüssten. Eine Welt mit verborgenen Eingängen tut sich auf.

 

Schlag gegen den Mythos

Gershom Sholem, der als Erster die Kabbalah und ihre Veröffentlichungen wissenschaftlich untersuchte, schreibt, dass das mittelalterliche rabbinische Judentum den Leuten die Bilder wegnahm. Gott sollte nicht durch Bilder dargestellt werden. Den Menschen ging dann aber infolgedessen Gottes Lebendigkeit und seine Verbindung zur Erdenwelt, zu ihrem eigenen Alltag ab. Durch die Kabbalisten brachen sich die Bilder wieder mächtig Bahn in die Religion: „Am Anfang war die Rose.“ Sholem schreibt: „Der religiöse Urantrieb des Judentums ist von jeher als Gegenschlag gegen die Welt des Mythos angesehen worden. Gegen die pantheistische All-Einheit von Gott, Kosmos und Mensch im Mythos.“ In der bilderlosen Gottesverehrung wurde die Welt der Bilder und Symbole verworfen. Doch diese „Liquidation des Mythos“ führte zu einer „Entleerung des Gottesbegriffs“. Die Kabbalah tauchte im 12. Jahrhundert in Südfrankreich aus „unterirdischen, höchstwahrscheinlich aus dem Orient“ kommenden Quellen auf. Das Buch Zohar erlangte so eine starke Bedeutung, weil es den spanischen Juden, die 1492 vertrieben worden sind, einen „Sinn des Exils“ zu geben vermochte. In der Ausstellung sind einige Bezüge zum Orient vorhanden.

 

Heilige Schriftrollen

Dan Reisner – (C) wulz.cc

Walter Benjamin vermachte seinem Freund Gershom Sholem das Bild Angelus Novus von Paul Klee. Sholem schrieb ein Buch über den geheimen Namen des Engels. „Kunst ist ein heilender Prozess und ein Geschenk“, ruft der Künstler Dan Reisner, der sich im Libanon-Krieg einen schweren posttraumatischen Schock zugezogen hatte. Seine Skulptur „Uplifting“ mit den vier Armen zeigt einen Leerraum in der Mitte. Kunst würde „das wirkliche Innere nach Außen bringen“, meint Reisner. Er freut sich, dass seine Skulptur, die sich selbst emporheben würde, an der Spitze von zwei langen Schriftstücken steht – „wirklich heiligen Dingen“. Dann redet er vom Schöpfer, von selber schöpfen bzw. Kunst erschaffen, und sich selbst gleich mit.

Kabbalisten arbeiten mit Bildern: Wie dem Weltenbaum, „mit dem Gott das All wölbte und von dem die Seelen ausgehen“. Auf einer Schriftrolle ist dieser Weltenbaum zu sehen. Buchstaben, aus denen kleine Blumen wachsen. Eine Einheit von Schrift, Bildern, Mythos und Glauben. Die Bilder von Sigalit Landau („Salt-Chrystal Bride“, 2014) sind von hellgrünem Licht durchströmt. Sie fotografierte ein schwarzes Kleid, das für Besessenheit und Verhängnis steht, und sich im Toten Meer hängend gespenstisch in ein erstarrtes weißes salziges Kleid verwandelt. In der ganzen Ausstellung ist die Musik von Victoria Hanna zu hören, die mit den 22 hebräischen Buchstaben (2015) spielt. Die Musik klingt irgendwie jemenitisch. Im Film dreht sich Hanna die ganze Zeit um sich selbst und singt: „Die 22 Buchstaben, die er an seiner Zunge festgemacht hatte, vertauschte er mit der Seele des Menschen.“ Und weiter: „Aus Luft, die nicht fassbar ist.“ Buchstaben über ihren Augen, dem Mund – Bilder über Bilder.

 

Ersterscheinung im Augustin, im November 2018

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