postheadericon Trotz allem Liebe zu den Menschen

Der kleine Mann mit dem schwarzen Hut ist tot. Ein Nachruf auf Thomas Frankl, der als Kind die Nazi-Herrschaft im Versteck überlebte und den Gemäfden seines Vaters Adolf Frankl ein Denkmal setzte.

Ab einem gewissen Zeitpunkt wurde sein Vater zur Hauptperson in seinem Leben: «Simon Wiesenthal zeichnete auch, aber es gibt nur wenige Überlebende, die so ein Konvolut an Werken erschufen. Vater hatte doch Kunst studiert und kam als Erwachsener nach Au­schwitz“, erklärte der Wiener Galerist Thomas Frankl einmal, der selbst als Kind in einem Versteck überlebte. „Auschwitz vernichtete bei den meisten Überlebenden die Kreativität, deswegen sind Vatis Bilder so ein Wunder.» Thomas Frankl stellte ab 2006 in seiner Galerie ArtForum am Wiener Judenplatz die Bilder seines Vaters Adolf Frankl aus. 2017 musste die Galerie leider schließen. Nun ist Thomas Frankl 91jährig verstorben. Einzelne Bilder seines Vaters befinden sich in diversen Museen im In- und Ausland, aber der Großteil der Werke bräuchte dringend neue BehüterInnen – eventuell im neuen Wiener Holocaust Museum, falls es wirklich kommt.

Thomas Frankl unterhielt seine oft internationalen Galerie-Gäste in einer Art niederschwelligem Zugang zu den Schrecken des Holocaust. Versuchte auf seine Weise, es ihnen leichter zu machen. Der kleine Mann, immer mit dem schwarzen Hut seines Vaters auf dem Kopf, leistete auf diese Weise einen riesigen Beitrag zum Umgang mit dem Abgrund, den man immer wieder umkreisen muss, in den man aber nie hinein fallen darf. Thomas Frankl lebte sehr gerne und das merkte man auch. Meistens mit einem Scherzchen auf den Lippen, oft von einem fröhlichen Kinderlachen begleitet, ging er auf alle Menschen zu – außer die Weltenlage erlaubte es nicht, dann konnte er ganz niedergeschlagen sein. Niedergedrückt vom Weltgeschehen. Er nahm es schrecklich persönlich, dass es trotz des Holocaust und der Nazi-Herrschaft weiterhin Krieg, Tod und Gewalt gab.

Rettungsring Mensch

Thomas Frankl war sehr auf Menschen fokussiert und orientiert, ohne sie konnte er nicht leben. Er klammerte sich an andere, brauchte das Gegenüber so dringend wie Luftholen – suchte sozusagen nonstop die Bestätigung seines Überlebens. Ein „altes Kind“, das dem Holocaust entkommen war, durch eine List seiner Mutter. Er verstand es sich zu amüsieren, zog gerne Leute auf, überraschte sie mit seltsamen Bemerkungen. Großes Gelächter seinerseits. Er brauchte andere Menschen – sie waren seine existenzielle Nabelschnur. Rettungsring Mensch. „Ich denke, ich bin nicht normal, aber ich bin darüber nicht traurig“, resümierte er einmal in einem riesigen Lehnstuhl sitzend. „Ich verstehe mich manchmal selber nicht.“ Naturphänomen Mensch. So spannend!

Meine Ururgroßeltern flüchteten aus Toledo in Spanien – vor der Inquisition. Bei der Inquisition wurden viele Menschen verbrannt. Meine Ururgroßeltern flohen über Mallorca nach Istanbul, damals herrschte der Sultan Bayezid II., dem wir sehr dankbar sind, dass er Juden dort leben ließ. Deswegen besaß meine Mutter irgendwie einen türkischen Geburtsschein.“ Auf einem Ausflug im Rollstuhl wird Thomas Frankl mehrfach auf der Straße erkannt und freudig begrüßt. Über dem Café Hawelka lebte die Flüchtlingsfamilie Frankl jahrelang, nachdem sie aus dem Flüchtlingslager im Rothschild-Spital in Wien Währing ausziehen durfte. «Der Hawelka hat uns oft umsonst essen lassen. Vater saß da und rauchte und zeichnete. Er nahm das als Pflicht, über den Holocaust zu berichten, weil er das mit seinen Zeichnungen auch konnte. Es ließ ihn nicht los. Von der Befreiung bis zu seinem Tod im Jahre 1983 litt er unter ständigen Angstzuständen.» Der tapfere Sohn ist nun ebenfalls gestorben, sein Lebenslicht ist verlöscht. Wer wird sich nun um die Bilder, das Werk seines Vaters kümmern? Wer dem lieben Thomas Frankl selber ein Denkmal setzen? Für seine Liebe zu und seine Neugier auf Menschen, trotz allem Furchtbaren, das ihm und seiner Familie widerfahren war.

Ersterscheinung im Augustin, Nummer 641, 8. 4. – 21. 4. 2026

Kommentieren

Archiv