Artikel-Schlagworte: „Shoah“

postheadericon Innere Bilder von Shanghai

Ein Besuch in der Ausstellung „Wiener in China“ mit Herrn K., der in Shanghai geboren wurde und bei seiner Rückkehr nach Wien mit einem Pferdestall vorliebnehmen musste.

In der Eingangshalle des Jüdischen Museums Wien treffen wir auf die Vermittlerin Hannah Landsmann, die gleich durch die Ausstellung „Wiener in China“ führen wird. Sie schlägt die Hände vor das Gesicht, als sie das Plastiksackerl sieht, in dem Herr K. Briefe aus und nach Shanghai mitgebracht hat – Dokumente seiner Familie. Er selbst ist 1942 in Shanghai geboren und hat allein Kindererinnerungen an diesen Ort. Es hat sich in seinem Leben bisher keine Gelegenheit geboten, Shanghai wieder zu besuchen. Vor dem chinesischen Fahrrad am Eingang der Ausstellung bleibt K. lange stehen: „Es gab Rikschas als Transportmittel für Menschen. Bei Hochwasser in den Straßen, welches öfter vorkam, sind diese Kulis bis zu den Knien im Wasser gestanden, gerade das man nicht im Wasser gesessen hat. Die Fahrräder dienten zum Gütertransport.“ Eigentlich wollte er den Besuch auf coronafreie Zeiten verschieben. Nun ist er doch im Museum. Seine Tante eröffnete in Shanghai eine Konditorei. Die Großeltern Gerstl waren mit vier Kindern vor den Nazis geflüchtet. „Das ist der Bund!“, ruft Herr K. und läuft zu dem langgestreckten Foto, das die Promenade am Ufer des Flusses Huangpu Jiang zeigt. Nach langem stillen Schauen: „Die Japaner planten schon Gaskammern zu bauen. Wenn die japanische Besetzung Shanghais länger gedauert hätte, wären wir dort umgebracht worden.“

Shanghai, ca 1939 (c) Jüdisches Museum Wien

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postheadericon „Ich wollte nur ein tapferes Mädchen sein“

Erika Freeman. Mit zwölf Jahren floh sie alleine nach New York, der Vater war im KZ Theresienstadt, die Mutter als U-Boot im Wiener Philipphof gegenüber der Albertina versteckt. Derzeit lebt und arbeitet die 93-jährige Psychoanalytikerin in Wien. Wir haben sie zum Gespräch über die Couch, das Selbst und den Schatz echter Liebe getroffen.

Wie würden Sie jemanden beschreiben, was man in der Psychoanalyse macht?

Eine Person redet, die andere hört hoffentlich aufmerksam zu. Man soll sich die Seele reinreden, wenn man kann. Das ist sehr schwer, weil die meisten Leute, die eine schöne Seele haben, denken, dass sie nichts wert seien. Dabei sind diese Leute viel mehr wert als solche mit einer schlechten Seele, wie unser „Trampf“, der meint, er sei der Größte und der Beste. Es gibt ein schottisches Wort für ihn, hundert Jahre alt: cock wombler. Trumps Mutter kommt aus Schottland. Seine Mutter sagte einmal zur New York Times, der Fred, also der Vater, mag den Donald nicht. Das ist so traurig. Ich habe Trumps erste Frau gekannt, sie kommt aus der Tschechoslowakei. Sie sagte zu mir, Amerika sei ein herrliches Land, wenn man viel arbeitet, kann jeder etwas aus sich selbst machen. Ich antwortete, du hast Recht, ich habe aber nicht gesagt, dass es eine große Hilfe ist, mit einem Millionär verheiratet zu sein (lacht).

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postheadericon Die unwirkliche Wirklichkeit

Schön und traurig: Das Leopold-Museum zeigt Bilder von Zoran Music.

Zoran Music in seinem Atelier in Venedig

„Sein Thema war es, in der Finsternis Leuchtpunkte zu finden“, sagt der Kurator, „Beziehungspunkte, Bezugspunkte“. Denn der Maler Zoran Music, dem gerade im Wiener Leopold Museum ein ganzes Stockwerk gewidmet wird, war Überlebender des KZ Dachau. Unter dem Verdacht ein Spion zu sein, in Ljubljana verhaftet, konnte Music sich entscheiden an die Front oder in das Konzentrationslager zu gehen. Er wählte Dachau. Nach dem Karst im slowenischen Gebiet, der Akademiemalerei in Zagreb und Bilder von Spaniens karger Landschaft, zeichnete Zoran Music fortan also dort. Viele seiner Bilder musste er selbst wieder zerstören – sie aufzubewahren wäre zu gefährlich gewesen. Er arbeitete zwölf Stunden am Tag als Dreher in einer unterirdischen Munitionsfabrik und überlebte auf diese Weise. Er male nicht dokumentarisch, sagte Music selbst Jahre später, sondern um selbst überleben zu können, um zu begreifen, dass er Subjekt ist.

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postheadericon Traumweltherrscher

Popkulturelle Fluchtlinien zum Thema Pogrom und Shoah.

 

Das Buch wirkt so, als ob ein paar Kapitel fehlen würden. Es ist viel zu dünn. Es fehlen praktisch noch zwei Drittel. Der deutsche Literaturwissenschaftler Jonas Engelmann trug in einem ersten Versuch Variationen von Fluchtlinien für und von jüdischen Menschen zusammen, die mit Hilfe der Popkultur den Mechanismen der Verfolgung entkommen möchten. Engelmann fand unter anderem literarische Strategien, die Shoah als „Teil der Struktur“ von Literatur in die Sprache einzubauen. So wechseln in „W oder die Kindheitserinnerungen“ von Georges Perec permanent die Erzählebenen. Es geht um eine Insel, auf der die gesellschaftliche Ordnung über Sport funktioniert. Mit Hilfe von Verschiebungen und Leerstellen weist das Buch über sich hinaus. Zum Beispiel auf den Roman „Anton Voyls Fortgang“ von Perec, der ohne den Buchstaben E auskommt, einem „Lipogramm-Roman“. Er überlebte in einem Kinderheim versteckt, seine Mutter starb in Auschwitz. Perec schrieb die Abwesenheit, die Vernichtung der europäischen Juden direkt in die Sprache als Abwesenheit ein. Fehlende Eeeeeeeeeeeeeeeeees. Millionen! Die Technik erinnert etwas an Marianne Fritz, die versuchte, dem Thema Krieg über Bild und Sprache gleichzeitig näherzukommen. Der „Lesefluss“ will sich nicht einstellen, „ich bin ganz nah am Tod, wo gischtfingrig nach mir grapscht“. Kein E.

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postheadericon In den Himmel sehen

Enkel bringt Armin Freudmanns Gedichte zum Leuchten.

Armin FreudmannDurch Sprache eine gewisse Distanzierung erreichen und sich doch gleichzeitig einlassen auf die eigenen Gefühle: Diese Schwierigkeit drücken die Gedichte von Armin Freudmann aus, die er zwei Jahre lang im Konzentrationslager schrieb. Erst weigerte er sich noch. In dem Gedicht „Das Lagertagebuch“ meint Freudmann, dass der Vater dieses Tagebuchs „das Sinnen“ sei. „Seine Mutter wäre das Sehnen. Ich könnte es schreiben mit Tränen – es wäre ein Zeitvertreib.“ Seine Gedichte reimen sich vornehm und elegant, sind von zeitloser Ironie und zeigen die jüdisch-bildungsbürgerliche Erziehung des Kommunisten. „Doch müsst ich, mein Kind, dich verbergen, (…) weil Schreiben verboten mir ist. Sie würden dich finden und töten. Und auch ich würde umgebracht.“ „Mein Großvater gebar Gedichte“, sagte Eduard Freudmann, der Enkel, bei seiner Wiener Performance „The White Elephant Archive“ im Theater Hamakom. Seine Oma stellte ein Familien-Archiv zusammen, das in einer Kiste über seinen Onkel Gottfried zu ihm kam und Edi zehn Jahre lang obsessiv beschäftigte. Immer wieder entwarf der Künstler Projekte dazu, zweifelte aber und gab sie wieder auf. Nun fand er endlich eine Form, auf ganz eigene Weise für die dritte Generation nach der Shoah, einige der Ambivalenzen seiner Familiengeschichte darzustellen. Wie den Bruch, dass die Großmutter, eine Kommunistin nach Sowjetunion-Muster, aus Ärger über ihren Maoisten-Sohn, der in einem Flugblatt die Sowjetunion mit Hitler verglich, nicht mehr ihre eigenen Erinnerungen aufschrieb.

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