postheadericon Trotz allem Liebe zu den Menschen

Der kleine Mann mit dem schwarzen Hut ist tot. Ein Nachruf auf Thomas Frankl, der als Kind die Nazi-Herrschaft im Versteck überlebte und den Gemäfden seines Vaters Adolf Frankl ein Denkmal setzte.

Ab einem gewissen Zeitpunkt wurde sein Vater zur Hauptperson in seinem Leben: «Simon Wiesenthal zeichnete auch, aber es gibt nur wenige Überlebende, die so ein Konvolut an Werken erschufen. Vater hatte doch Kunst studiert und kam als Erwachsener nach Au­schwitz“, erklärte der Wiener Galerist Thomas Frankl einmal, der selbst als Kind in einem Versteck überlebte. „Auschwitz vernichtete bei den meisten Überlebenden die Kreativität, deswegen sind Vatis Bilder so ein Wunder.» Thomas Frankl stellte ab 2006 in seiner Galerie ArtForum am Wiener Judenplatz die Bilder seines Vaters Adolf Frankl aus. 2017 musste die Galerie leider schließen. Nun ist Thomas Frankl 91jährig verstorben. Einzelne Bilder seines Vaters befinden sich in diversen Museen im In- und Ausland, aber der Großteil der Werke bräuchte dringend neue BehüterInnen – eventuell im neuen Wiener Holocaust Museum, falls es wirklich kommt.

Diesen Beitrag weiterlesen »

postheadericon Schwebend über Hartheim schreiben

Mit dem Buch „Mit Mathilde“ und der Ausstellung „Eingestickt“ erinnern zwei aktuelle Projekte an die Ermordeten der NS-Vernichtungsstätte Hartheim.

Ich habe es gewusst und nicht gewusst“, erklärt Autorin Alexandra Gusetti, die erst 2024 im Gedenkort Hartheim von der ermordeten Schwester ihres Großvaters erfuhr. „Als wir hinaus gingen, hatte ich das Gefühl, Mathilde sei bei mir. So dunkel wie die Scham, die sie umgibt. Ein helles Wesen, ein liebevoller Schatten.“ Gusetti begann in Krankenakten zu recherchieren, Mathilde war gehörlos gewesen. „Die Schuld gehört den Naziverbrechern“, konstatiert Gusetti bei einer Lesung in Wien. „Ich musste nicht kopfüber in diese Verzweiflung und konnte beim Schreiben schwebend bleiben.“

Ich habe das Foto ein Jahr mit mir herumgetragen“, erzählt die Fotografin Ulrike Wieser, deren zehnjährige Großcousine Elfi Schlager ebenfalls in Hartheim getötet wurde. „In meiner Familie gab es schon vor Hitlers Machtergreifung illegale Nazis. Deswegen wurde über die Ermordung Elfis nicht geredet – wegen der Beteiligung. Und wegen der Scham, dass man ein behindertes Kind hat!“ Wieser bestickte Fotos weiterer ermordeter Menschen beziehungsweise ihrer Geburtsorte: „Man sticht immer wieder durch das Bild durch – es ist eine kraftvolle Erinnerungsarbeit.“

Erschienen im Augustin 638, 25. 2. – 10. 3. 2026

Alexandra Gusetti: Mit Mathilde. Verlag Bibliothek der Provinz 2025

Eingestickt. Zur Erinnerung an 67 Menschen, die 1940 in Hartheim ermordet wurden, Haus der Geschichte Österreichs, bis 10. Mai

Foto: Elfi Schlager, Credit: Ulrike Wieser

postheadericon Nie Kind und nie erwachsen

Journalistin und Autorin Peggy Parnass, die als Kind zweimal den Nazis entkam, starb nun 97jährig in Hamburg.

Mit verkniffenem Gesicht saß sie in ihrem Bett und beobachtete die Besucherin mit schalen Augen: „Ich rede mir niemanden über meine Kindheit, warum sollte ich ausgerechnet mit Ihnen darüber sprechen?!“ Redete dann aber von nichts anderem. „Komisch – einerseits nie Kind, andererseits nie erwachsen“, fasste Peggy Parnass in dem schönen Buch „Kindheit. Wie unsere Mutter uns vor den Nazis rettete“, mit Holzschnitten von Tita Do Rego Silva, ihre Gemütslage zusammen.

Peggy Parnass sprang den Nazis zweimal von der Schaufel – ihr Vater Pudl ließ sie mit einem Bekannten aus der Verhaftung flüchten und ihre Mutter schickte die Kinder rechtzeitig mit dem Zug nach Schweden. Die berühmte Gerichtsreporterin, Schauspielerin und Schriftstellerin ist nun im Alter von 97 Jahren gestorben. Nur drei der von ihr so ersehnten Nazi-Prozesse fanden wirklich statt.

Zäh und extrem eigenständig entführte Peggy ihr Brüderchen dreimal aus dem schwedischen Kinderheim und hasste ihre insgesamt zwölf Pflegefamilien. Zeitlebens versuchte sie sich den Umstand, dass ihre Mutter „darauf gepocht hatte“ ihrem Mann ins KZ zu folgen, mit „übergroßer Liebe“ zu erklären. Ein Foto ihrer Mutter mitsamt der kleinen Peggy hing über besagtem Bett.

Ersterscheinung im Augustin, Nummer 618, 9. 4. – 22. 4. 2025

postheadericon Familiengeschichte und Einsamkeit

Das Jüdischen Museum Wien zeigt endlich die Ausstellung „Die Dritte Generation. Der Holocaust im familiären Gedächtnis“.

Warum waren alle diese Betroffenen in der Öffentlichkeit über Jahrzehnte so wenig präsent? Sie waren mit ihren Eltern, Großeltern und mit Recherchen zur Familiengeschichte beschäftigt. In einer Kooperation der Jüdischen Museen Wien und München werden nun endlich Kunstwerke von Kindern und EnkelInnen der Holocaust-Überlebenden gezeigt. Die amerikanische Künstlerin Dwora Fried baut in Holzboxen vom Flohmarkt die Geschichte ihrer Familie ein. Eine schwarze Kiste heißt „Sigmund“ (2023) – neben Trachtenpüppchen hängt ein Foto der Künstlerin als Mädchen mit ihren Eltern beim Wiener Eislaufverein. „Meine Mutter konnte mich als Baby nicht füttern“, erzählt Dwora Fried mit steinerner Miene, „weil sie es nicht ausgehalten hat, wenn Babys in der Nacht schreien. Das erinnerte sie an die Nazis, die Babies aus dem Fenster schmissen.“ Ihre Mutter redete erst mit den Enkeln über Auschwitz: „Ich dachte immer, sie wird tot umfallen, wenn ich sie etwas frage“. Im Katalog gibt es viele Stimmen von Betroffenen zu lesen, die noch keine Übersetzung ihres Lebens in Kunstformen „geschafft“ haben.

Ersterscheinung im Augustin, Nummer 606, 9. 10. – 22. 10. 2024

postheadericon Die Befreiung imaginieren

Tiefblauer Himmel, orangenes Licht: Frauen ziehen in der Morgendämmerung durch das Gelände des Outdoor-Museums eines afroamerikanischen Künstlers in der kalifornischen Wüste. Eine Frau trägt ein Transistorradio auf der Schulter, aus dem die Stimme der Jazzmusikerin Alice Coltrane tönt („Sojourner“, 2018, von Couleen Smith). Schön kühl ist es und viel Platz gibt es hier. In der MUMOK-Ausstellung „Avant-Garde and Liberation. Zeitgenössische Kunst und dekoloniale Moderne“ versammelt Kurator Christian Kravagna Kunstwerke mit Referenz auf frühere KünstlerInnen oder TheoretikerInnen. Denn es geht in der Ausstellung um eine „Imagination der Befreiung“ plus Entwickeln von Verfahren zur Realisierung von Freiheit. Dazu wird eben gerne Bezug auf bereits erfolgreiche künstlerische Methoden genommen. So bezieht sich die Autorin Jesmyn Ward angesichts des Unfassbaren auf James Baldwin, um ihrer Sprachlosigkeit zu entkommen, wie Kurator Kravagna im Katalog schreibt: „I needed words“. Serge Attukwei Clottey, der 1999 in Wien lebte, verwendet in seinen Bildern Klebebänder, weil Marcus Omofuma bei seiner Abschiebung mit solchen Klebebändern fixiert wurde, weswegen er starb.

Lesebrille nicht vergessen, da extrem viel Text!

Serge Attukwei Clottey
James Baldwin, 2020–2021
Ölfarbe, Plakate und Klebeband auf Korkplatte
Courtesy of the artist and Simchowitz Gallery, Los Angeles
© Bildrecht, Wien 2024

Ersterscheinung im Augustin Nummer 602, 31. 7. – 27. 8. 2024

Archiv