Artikel-Schlagworte: „Shoah“

postheadericon In den Himmel sehen

Enkel bringt Armin Freudmanns Gedichte zum Leuchten.

Armin FreudmannDurch Sprache eine gewisse Distanzierung erreichen und sich doch gleichzeitig einlassen auf die eigenen Gefühle: Diese Schwierigkeit drücken die Gedichte von Armin Freudmann aus, die er zwei Jahre lang im Konzentrationslager schrieb. Erst weigerte er sich noch. In dem Gedicht „Das Lagertagebuch“ meint Freudmann, dass der Vater dieses Tagebuchs „das Sinnen“ sei. „Seine Mutter wäre das Sehnen. Ich könnte es schreiben mit Tränen – es wäre ein Zeitvertreib.“ Seine Gedichte reimen sich vornehm und elegant, sind von zeitloser Ironie und zeigen die jüdisch-bildungsbürgerliche Erziehung des Kommunisten. „Doch müsst ich, mein Kind, dich verbergen, (…) weil Schreiben verboten mir ist. Sie würden dich finden und töten. Und auch ich würde umgebracht.“ „Mein Großvater gebar Gedichte“, sagte Eduard Freudmann, der Enkel, bei seiner Wiener Performance „The White Elephant Archive“ im Theater Hamakom. Seine Oma stellte ein Familien-Archiv zusammen, das in einer Kiste über seinen Onkel Gottfried zu ihm kam und Edi zehn Jahre lang obsessiv beschäftigte. Immer wieder entwarf der Künstler Projekte dazu, zweifelte aber und gab sie wieder auf. Nun fand er endlich eine Form, auf ganz eigene Weise für die dritte Generation nach der Shoah, einige der Ambivalenzen seiner Familiengeschichte darzustellen. Wie den Bruch, dass die Großmutter, eine Kommunistin nach Sowjetunion-Muster, aus Ärger über ihren Maoisten-Sohn, der in einem Flugblatt die Sowjetunion mit Hitler verglich, nicht mehr ihre eigenen Erinnerungen aufschrieb.

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postheadericon Der Überflieger

Von grandiosen Bruchlandungen und den mörderischen Handlungen des „falschen Selbst“ das „richtige“ zu retten. Ein Versuch, sich den Mord an 159 Menschen durch die Hypothesen der Psychoanalytikerin Alice Miller zu erklären.

 

Es gibt schon Möglichkeiten, extrem seltsames Verhalten zu beschreiben, ohne auf die klassischen psychiatrischen Diagnosen zurückzugreifen. Man kann es zumindest probieren, den Mord an 159 Menschen näher zu untersuchen. „Das sind abgespaltene Zustände der Seele“, sagte ein Psychiater im Fernsehen, denn anscheinend kam eine andere Persönlichkeit, eine neue Figur in dem Co-Piloten des Fluges 9525 German Wings zum Vorschein. Das „falsche Selbst“ vernichtet das „wahre Selbst“, wenn es keine Möglichkeit, keine Hoffnung mehr sieht, wie das „wahre Selbst“ leben könnte, ist die Theorie der Shoah-Überlebenden und Psychoanalytikerin Alice Miller. Das „falsche Selbst“ übernimmt die völlige Kontrolle. Miller argumentiert entlang den Modellen Grandiosität/Innere Leere und Depression, zwei Seiten einer Medaille. Ohne seinen Flugschein hätte es für Andreas L. keine Möglichkeit mehr gegeben, seine Grandiosität durch das Steuern riesiger Flugzeuge zu erleben. Ohne Freundin keine Möglichkeit mehr, Grandiosität zu demonstrieren, wie noch durch den Kauf von zwei Audis kurz vor der Trennung. Diese grandiosen Lösungen zur Abwehr von Depression und innerer Leere funktionierten nicht mehr. Die Grandiosität brach in sich zusammen. Es ist zu einfach zu sagen, man kann nicht alle schrecklichen Zustände der Seele des Menschen erklären, denn unsere Gesellschaft fördert das Grandiositäts-Modell, viele Menschen leben ihr „falsches Selbst“, übernehmen sich und wer am Grandiosiätsmodell scheitert, wird aussortiert. Es folgt zumeist eine Bruchlandung auf der Straße.

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postheadericon Wie im Traum, wenn man schreien will

Peggy Parnass – schamvolles Überleben, präzise formulierte Wut: Als leidenschaftliche und streitbare Gerichtsreporterin schaute Peggy Parnass NS-Tätern mutig ins Auge. Als Kind versuchte sie ihre Eltern aus dem KZ zu retten, doch Schweden machte die Grenzen zu. Im Herbst wurde die Geschichte ihrer Kindheit als Buch publiziert. Kerstin Kellermann besuchte die Autorin für den Augustin in Hamburg.

 

Holzschnitt 06„Die Prozesse gegen Nazis, die ich haben wollte, fanden nicht statt!“, ruft Peggy Parnass unter ihrem Lockenschopf hervor. Die ehemalige Journalistin, Kolumnistin und Buchautorin, die nach einem schweren Bruch ans Bett gefesselt ist, ist berühmt für ihre Gerichtsreportagen – vor allem für die gegen nationalsozialistische Täter in Deutschland. Dieses Bild prägte sich vielen als Hoffnung ein: Vorne im Gerichtssaal wird gegen nationalsozialistische Mörder verhandelt und erste Reihe fußfrei sitzt die Tochter von zwei bemitleidenswerten jüdischen Menschen, die im Vernichtungslager Treblinka ermordet wurden. Diese junge Frau beobachtet ganz genau, was für „Herrenmenschen“ das sind, die so Schreckliches vollbringen konnten. Analysiert sie mit scharfem Verstand und emotionalem Zugang und fasst ihre Überlegungen in Worte. In Wahrheit waren es bloß drei Prozesse gegen Nazi-Täter, die Peggy Parnass begleiten konnte – ein Großteil jener, die für den Massenmord verantwortlich waren, wurden von juristischer Verfolgung verschont. Alles andere waren „normale“ Gerichtsprozesse. Die tiefen Emotionen, die Aufregung, das zutiefst Menschliche, das Existenzielle in Opfern, ZeugInnen und TäterInnen zog sie magnetisch an. Siebzehn Jahre lang. „Es ging ja immer um Menschen“, sagt Parnass heute, „ich war jeden Tag um halb acht im Gericht, weil ich alles mitkriegen wollte. Um acht Uhr ging es los im Schwurgericht. Ich arbeitete im Schnitt sechzehn Stunden am Tag. Extreme Gefühle faszinieren mich“. Im Buch „Unter die Haut“ beschrieb sie es so: „Wenn man über andere schreibt, kann man sich auch ziemlich gut hinter deren Schicksal verstecken. Egal, wie beteiligt man ist.“ Sie auf jeden Fall wolle „nicht in der Distanz erfrieren“.

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postheadericon Schlurfs, Schimmler, Selbstverstümmler: Widerständiges Sandleiten

Wenn die Politik sich nicht aufraffen kann, zukünftigen Generationen den Zusammenhang von Repression und zivilem Ungehorsam in Erinnerung zu rufen, muss die Kunst einspringen; im Falle des „roten“ Sandleitenhofs im 16. Bezirk taten das die Engagierten rund um das SOHO IN OTTAKRING-Projekt.

Foto: Chris Gangl

Kein Denkmal in der riesigen Gemeindewohnanlage aus den 1920er Jahren erinnert beispielsweise an die zwanzig jüdischen Menschen, die 1938 ihre Wohnungen verlassen mussten. Auch im Kongressbad gibt es keine Hommage an die hingerichteten jugendlichen Deserteure. Eine Tafel für den Widerstandskämpfer Heinrich Klein ist immerhin in Planung. Innerhalb von zwei Wochen mussten die Zwanzig im August 1938 ihre Sozialwohnungen verlassen. Emil Libesny, Klavierstimmer, Rudolf Spielmann, Steindrucker, Hermann Ratyn, Schriftsetzer… Kündigungsgrund nach den Akten des Bezirksgerichtes Hernals: Nichtarier. „Der Angeklagte ist schuldig, die Wohnung zu übergeben“, schrieb das Gericht. Marie Spielmann, die Tochter von Rudolf Spielmann protestierte: Ihr Vater sei Soldat im Ersten Weltkrieg gewesen und leide an den Kriegsverletzungen. Es nutzte nichts. Siegmund Feldmar, Schuhmachermeister, Erwin Adler, Kaufmann. Die Geschäftsfrau Margarethe Gorbulsky schickte ihre Einwände an die Behörde: Ihr Mann erblindete nach dem Kriegsdienst und Flecktyphus vollständig. „Ich selbst bin derzeit im achten Monat schwanger. Wir haben die Ausreise vorbereitet“. Das Kündigungsschreiben an David Klein aus der Gomperzgasse 1-7, Stiege 2, Tür 5 konnte nicht zugestellt werden, da er sich in Dachau befindet. Auch der Ledergalanteriearbeiter Karl Freud und sein Vater endeten nach der Delogierung in Dachau.

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postheadericon Shanghai Bilder, Bilder-Lager und Straßenbild

   karoly_1135Herr Karoly verlässt nach 48 Jahren seinen Standort. Ein Installateur wird in sein Bilder- und Rahmengeschäft ziehen: Harry Karoly, wegen den Nazis in Shanghai geboren, verlässt nach 48 Jahren sein Geschäftslokal in Ottakring.

„Schauen Sie mal, das sind die neuesten, nicht abgeholten Bilder. Eine Vorausbezahlung wäre ein zu großer administrativer Aufwand. Sie haben ja eh das Bild, sagen die Leute.“ Nach 48 Jahren im gleichen Geschäft am selben Ort in der Ottakringer Vorstadt, in der Nähe der Ottakringer Bierfabrik, sperrte Harry Karoly nun sein Rahmen- und Bildergeschäft zu. Es hängen keine Vorhänge mehr vor den Bilder-Vitrinen in der Neulerchenfelder Straße 71. Schon mit 24 Jahren machte Harry Karoly sich selbstständig. „Ich arbeitete als bürokaufmännischer Lehrling in einer Möbelfabrik im Import, Export und lernte den Sohn eines Bilderhändlers kennen. Im ‚Allgemeinen ersten Einkaufszentrum’ – das AEZ war damals so etwas wie die Lugner City heute. Von dort aus wurde ‚Autofahrer unterwegs’ gesendet.“ Der kleine, feine Mann mit der goldumrandeten Brille schaut gelassen aus, in seinem halb leer geräumten Geschäft zwischen lauter Bildern sitzend. In den Schaufenstern liegen weitere Bilder. „Die Bilderhändler-Familie nahm mich anschließend an den Wochenenden mit auf Ausflüge. Ich war ja ein gescheites Bürscherl und lernte schnell. Meine Mutter wurde befürsorgt, ist aber immer lieb zu mir gewesen.“ Über die näheren Umstände der Fürsorge-Maßnahme mag er nicht reden. „Meine Mutter war ein wiederkehrender Flüchtling, gezwungenermaßen geflüchtet vor dem 1000-jährigen Reich.“ Harry Karoly, der Mädchenname der Mutter war Gerstl, wurde 1942 in Shanghai geboren. Es gab ein Kontingent von 35.000 jüdischen Menschen, die nach Shanghai einreisen durften. „Meine Großeltern hatten in der Breiten Gasse ein Möbelgeschäft, das ihnen weggenommen wurde. Die nahen Anverwandten haben überlebt, aber es sind schon Verwandte umgekommen.“

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