postheadericon In der Geisterbahn sitzen

Leben, die trotz Vernachlässigung und Gewalt von Zuversicht geprägt sind: Ein eindrucksvolles Buch erzählt die Geschichten von 14 obdachlosen Jugendlichen.

Ich habe meine Kindheit eigentlich als glücklich empfunden, aber das liegt an meiner Gabe, die dramatischen Dinge zu verdrängen“, sagt Alex, der inzwischen 26 Jahre alt ist und sich für Philosophie interessiert. „Mit neun gab es einen kompletten Systemwechsel, weil bei meiner Mutter Schizophrenie ausgebrochen ist. Was dann mit meiner verschwundenen Mutter war, wusste ich nicht.“ Erklärt ihm auch keiner. Alex zieht zu seinem Vater aufs Land. „Das war ein richtig starkes traumatisches Gefühlt, und mir wurde klar: Jetzt beginnt etwas anderes. Mit der Zeit habe ich das alles verdrängt.“

 

Im Buch „Wie Treibsand auf Asphalt. Junge Menschen erzählen von ihrem Leben auf der Straße“, sind es zumeist traumatische Ereignisse in der Kindheit, die als eine Art Selbst-Rettungsversuch mit Flucht auf die Straße enden. Vor oder in der Obdachlosigkeit wird dann oft, ganz alleine und auf sich gestellt, Selbst-Therapie durch mehr oder weniger starke Drogen versucht. Das Buch entwickelt eine enorme Dichte, weil Autorin Kobai Halstenberg, die die Kids zum Reden brachte, sich komplett zurücknimmt und die Jugendlichen direkt selber in ihrer eigenen Sprech- und Denkweise berichten lässt.

Versuche, sich selbst zu helfen

Als Alex 15 ist, kommt der nächste „Systemwechsel“ – sein Vater zieht zu einer neuen Frau in eine andere Stadt, die Brüder bleiben alleine zurück. Alex beginnt mit harten Drogen und fällt in eine wahnhafte Psychose. „In der Psychiatrie habe gelernt, dass du dich vielleicht nicht immer heilen kannst, aber du kannst lernen, mit den Umständen umzugehen“, resümiert er später.

In dem ganzen Buch mit seinen vierzehn Betroffenen ist die existenzielle Dringlichkeit deutlich zu spüren. Diese ständige Suche nach Unterstützung, diese ganzen Versuche sich selbst zu helfen und auch möglichst andere mitzuziehen. Es ist herzzerreißend, wie diese bedrohten jungen Menschen sich immer wieder aufrappeln und probieren, möglichst nach ihren hohen Werten und Ansprüchen zu leben – trotz aller Widrigkeiten! Dazu kommen manchmal Diagnosen wie Borderline oder AHDS, deren Auswirkungen den jungen Menschen kaum erklärt und die alleine mit Psychopharmaka behandelt werden.

Alex, für den „Glückseligkeit immer möglich“ bleibt, schafft es in eine eigene Wohnung und auch zu erneutem Kontakt mit seiner Familie: „Später möchte ich einen eigenen Verein gründen. Triggerwarnung: Es geht um Kindesmisshandlung und Kidnapping. Der Verein soll für betroffene Familien da sein, deren Kind entführt wurde (…). Weltweit werden im Jahr 30.000 Kinder verschleppt, in Deutschland sind es 80 bis 100. Das ist jeden vierten Tag ein Kind und darüber redet keiner!“

Schnick, Schnack, Schnuck

King, der ebenfalls portätiert wird, beschreibt seine Selbstrettungsversuche so: „Mein Freund braucht Hilfe, ich brauche Hilfe, wir können uns gegenseitig helfen. Wir waren wie Dumm und Dümmer.“ Er versucht seinen Freund vom Heroin wegzukriegen, doch der stirbt. In Folge lebt er drei Wochen bei der Mutter seines Freundes, um sie durch Kocherei zu unterstützen. Als der humorvolle King einmal bei einer Schlägerei dabei ist, mischt er sich ein: „Lasst die Scheiße.“ „Ne, wir klären das unter Männern.“ Ich so: „Dann klärt das doch mit Schnick, Schnack, Schnuck unter Männern.“ Sie haben mich dumm angeguckt: „Na gut, aber du musst den Schiedsrichter machen.“

May, die 18 ist, gibt nach vier Jahren auf der Straße Ratschläge: „Jungen Menschen, die in einer ähnlichen Situation sind, kann ich sagen, dass es unfassbar wichtig ist, daran zu glauben, dass man etwas verändern kann.“ Sie schafft es, ihren Freund aus einem Loch zu holen: „Denn wenn du mit einer anderen Person in der Geisterbahn sitzt, die andere Person aber noch mehr Angst hat als du, dann wirst du stark, damit du der anderen Person Sicherheit geben kannst.“ Kalina rät, sich nur mit Menschen zu umgeben, die einem gut tun, und meint, dass es niederschwellige Hilfsangebote braucht, um bei den im Stich gelassenen Jugendlichen Vertrauen wiederherzustellen.

Unbedingt lesen!

Kobai Halstenberg: Wie Treibsand auf Asphalt. Junge Menschen erzählen von ihrem Leben auf der Straße. Illustration: Vanessa Mundle, Fischer Sauerländer, 2026, 304 Seiten, 13,90 Euro

Ersterscheinung im Augustin Nummer 645, 3. 6. – 16. 6. 2026

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