postheadericon Glasscheiben zwischen zwei Welten

Von Geldspezialisten und Affen in Frankfurt am Main. Das Frankfurter Leben kreist um den Main. Auf der einen Flussseite die «Dippesmess», ein Jahrmarkt mit Riesenrad und Apfelwein, auf der anderen die Museen am Schaumainkai. Ein Rundgang.

 

Fünf Banker sitzen auf einer Holzbank vor einem schicken veganen Laden und schauen in ihre Salatschüsseln. Eng aneinander gedrängt wie Vögel auf der Stange, in ihren typischen, zu kleinen blauen Sakkos. Davor ein Obdachloser, der sich aus einem Mistkübel Reste angelt. Wenn man dem Obdachlosen Essen in die Hand drückt, sperren die Banker Augen und Münder auf, überraschter als der wilde Mann mit dem roten Bart. Als ob es unsichtbare Glasscheiben zwischen den zwei Welten gäbe: Banker und Obdachlose – die ignorieren sich nicht einmal, würde man in Österreich sagen. Leben aber nebeneinander her, ihre Wege kreuzen sich ständig.

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postheadericon Fagott auf Weltreise

Hörbuch für „Migrationslücken“.

 

Wie ist das nun mit „Herkunfts-Kulturen“ von Kindern und der „Kultur“ der Aufnahmegesellschaft? Auch wenn soziale Kulturen keine Inseln sind und sich ständig vermischen, gibt es gewisse Traditionen in Familien. Wie zum Beispiel in der Musik. „Manche Kinder verstummen schon im Kindergarten“, warnt eine Sprachpädagogin bei der Präsentation des Hörbuchs „Sieben Blätter und ein Stein“ und berichtet, wie schwierig es sei, Kinder wieder aus diesem Schweigen herauszuholen. Die Kinder flüchten in eine Fantasiewelt, weil ihre Muttersprache und ihre Traditionen in der Schule überhaupt nicht vorkommen und sie sich auf deutsch (noch) schlecht ausdrücken können. „Es klafft eine Lücke“, sagt Wei-Ya Lin, die Hörbuch-Herausgeberin: „Obwohl die Wiener Gesellschaft nach mehreren Einwanderungswellen längst multikulturell geworden ist, sind das Bildungssystem und die betreffende Gesetzgebung noch lange nicht darauf vorbereitet. In den Schulen entsteht dadurch eine Lücke.“

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postheadericon Unerklärliche Trauerwolke

Sachbuch: Familiäre Befragungen zur NS-„Euthanasie“.

 

Von einer Bekannten habe ich erfahren, dass ihre Schwester jahrelang Therapie brauchte, um herauszufinden, dass ihre Urgroßmutter Opfer der „Euthanasie“ geworden war. Die Oma hatte als Kleinkind den Schock erlebt, plötzlich und völlig ohne Erklärung ihre Mutter zu verlieren. Da diese Oma das Mädchen großzog, übertrug sich der Schock auf das Enkelkind. Ohne Worte, aber mit erhöhter, zu Beginn unerklärlicher Selbstmordgefahr.

Dass es so ein tiefes Schweigen um die Ermordung von „Euthanasie“-Betroffenen in der Nazi-Zeit gibt, hat verschiedene Gründe: Einer kann sein, dass oft einzelne, sehr nahe Verwandte eine Mitschuld an der Einweisung einer Person (gar Bruder, Schwester oder Vater) trugen, die dann in weiterer Folge zur Ermordung führte. Dem jungen Kärntner Politikwissenschaftler Bernhard Gitschtaler ist es nun gelungen, das Thema anders anzugehen: Er befragte unter anderen Neffen und Onkels, also etwas entferntere Verwandte, die zum Teil selbst schon Nachforschungen gestartet hatten – die zwar mit betroffen, aber noch handlungsfähig und neugierig waren.

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postheadericon Heilt den Weltmeister!

Augustin Theater spielt Achternbusch.

Als Herbert Achternbusch fünf Jahre alt war, gab ihn seine geliebte, alleinerziehende Mutter zur Oma auf einen Speicher im Bayrischen Wald, zum Schutz wegen des Zweiten Weltkrieges. Die Mutter schenkte ihm teure Tubenfarben. Auch nach dem Krieg muss er bei der Oma wohnen bleiben. „Ich erinnere mich, dass ich, wie es mir besonders schlecht ging, bei der Oma oben, mein Gesicht zeichnete… Da sie schon im Bett lag, zeichnete ich bei einer Kerze. An diesem Abend zeichnete ich aus einem Rasierspiegel ununterbrochen mein Gesicht in ein leeres Buch. So lange zeichnete ich, bis mir ein Gesicht gelang, in dem ich mich spürte. Es war eine Erleuchtung: die Zeichnung bin ich, und nicht ich.“ Später verbrannte er die Zeichnung. Was für andere Kinder Schnuller oder Teddybär ist – „Übergangsobjekt“ eben (so nannte es der Kinderpsychiater Donald Winnicott), war für Achternbusch also die Zeichnung. Doch irgendetwas dürfte seine „not perfect mother“ (die laut Winnicott die beste Mutter ist, sie muss nur auf die spontanen Äußerungen und Aktionen des Kindes eingehen) doch richtig gemacht haben, denn sein Spielraum zur Kunst hin erweiterte sich unglaublich. Herbert Achternbusch malte, schuf Holzskulpturen und wurde berühmt für seine sehr lustigen Filme. Mit seinem erotischen Jesus mit riesigen Brustwarzen in dem Film „Das Gespenst“ schaffte er das Kunststück, das der Film in Österreich nach einem Urteil des Landesgerichts Graz bis heute verboten ist!

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postheadericon Alle Kinder malen gleich. Auf der ganzen Welt.

Strahlenfiguren, Kammfiguren, Kreise mit Kernen. Warum man kleine Kinder beim Malen ihrer Ringel und Punkte nicht stören sollte.

Er malte mit Kindern im Dschungel und in der Wüste, in Neuguinea und Guatemala, in Mauretanien oder Äthiopien – alles, um seine Bild-Schöpfungs-These zu beweisen. Seine großmütige, großherzige These in einer Welt, in der viel Dünkel vorherrscht, beinhaltete, das alle Kinder auf der ganzen Welt gleich sind und mit ihren ersten Zeichenversuchen sehr ähnliche Figuren abbilden, denen jedes Mal eine komplett ähnliche Entwicklung folgt, falls keiner stört.

Beginnend mit Kreisen und Kringeln wird die allererste Spur auf das Papier gelegt. Nach Arno Stern eine Erinnerung an den embryonalen Zustand, an Bauch und Geburt. Jedes Kind ist von einer Mutter geboren, musste durch den Geburtskanal an das Licht der Welt. Man soll und darf diese ersten Bilder nicht interpretieren, meinte der eigenwillige Stern, nicht sagen, aha, eine Sonne, ein Mond, sehr schön. Oder: Was ist das? Was soll das sein? Man soll das Kind einfach machen lassen, ohne Beeinflussung, denn sonst erzeuge man ein braves Kind, das gehorsam um Aufmerksamkeit heische, und zerstöre die orginale Bildspur des Kindes.

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