postheadericon Den Grazer Stadtpark-Adler verbergen

Der Künstler Eduard Freudmann bemüht sich die tapfere und widerständige Tradition seiner Großeltern fortzuführen, indem er den öffentlichen Raum umgestaltet. In Graz veränderte er das „Befreiungsdenkmal“ im Stadtpark. Die Figur mit dem Adler, der einem Käfig entsteigt und davon fliegt, wurde in einen rosa Sockel gehüllt.

„Mein Großvater gebar Gedichte“, sagte der Künstler Eduard Freudmann bei seiner Wiener Performance „The White Elephant Archive“ im Wiener Theater Hamakom. Seine Großmutter stellte ein Familien-Archiv zusammen, das Freudmann zehn Jahre lang obsessiv beschäftigte. Immer wieder entwarf der Künstler Projekte dazu, zweifelte aber und gab sie wieder auf. Mit seiner Performance fand er dann endlich eine Form, auf ganz eigene Weise für die dritte Generation nach der Shoah, einige Ambivalenzen seiner Familie darzustellen.

Durch sieben Lager hatte Großvater Armin Freudmann seine Gedichte geschmuggelt, den Todesmarsch nach Buchenwald entlang – zweimal rekonstruierte er sie nach Verlust. Sein Enkel hingegen bemüht sich nun schon lange um das Lueger-Denkmal in Wien und war bei einer Mahnwache live dabei, als die Identitären angriffen. Eduard Freudmann hofft dringend auf eine aussagekräftige Intervention zu dem Denkmal: „Die Ehrung von Lueger soll verunmöglicht werden. Eine Wischi-Waschi-Veränderung reicht nicht aus.“ In Graz gestaltete er das „Befreiungsdenkmal“ um.

In Graz haben Sie im Auftrag des Steirischen Herbsts ein Denkmal umgestaltet. Wie lief das ab?

Die Umgestaltung beruhte auf einer Initiative des Vereins Clio – es ging es um verschiedene Denkmäler in Graz. Clio macht schon sehr lange fundierte Arbeit zu Geschichtskultur in Graz und wählte meinen Entwurf aus. Wichtig für das Gelingen einer Denkmalumgestaltung ist, dass unterschiedliches Wissen zusammen kommt. Historisches Wissen, aber auch die Auseinandersetzung von unten, von der Stadtgeschichtsschreibung her, etwa im Sinne eines „Forsche und grabe, wo du stehst“. Die künstlerische Expertise des Steirischen Herbsts ist sehr Up to Date, was Denkmäler betrifft. Mein Projekt handelte ganz speziell vom Selbstviktimisierungs-Mythos – vom österreichischen Opfermythos. Es ging um diese historische Position, dass Österreich das erste Opfer der Nazis sei, dann um Österreich als angebliches Opfer der Alliierten, aber auch um das Besondere dieser rechtspopulistischen Haltung, bei der es so einen heldenhaften Umgang mit der eigenen Opferrolle gibt. Es ging um diverse Rechtfertigungs-Strategien, sich nicht mit der eigenen Verantwortung auseinandersetzen zu müssen.

Wie entstand die künstlerische Umsetzung? Warum rosa?

Der Titel dieses Denkmals bezieht sich auf die Befreiung Österreichs von den Alliierten – also nicht DURCH die Alliierten sondern VON den Alliierten. Ersichtlich durch das Datum, das dem Denkmal eingeschrieben ist – nämlich dem 26. Oktober 1955, an dem, wie fälschlicherweise in Österreichs Schulen gelehrt wird, der letzte russische Soldat Österreich verlassen haben soll. Das Denkmal stellt im Sockel einen stilisierten Käfig dar. Die Figur ist ein Adler, der aus dem Käfig entsteigt, seine Schwingen ausbreitet und zum Abflug ansetzt. Das Ganze thront im Burggarten über dem Stadtpark. Der Sockel wurde in einen rosa Obelisken mit der Aufschrift „Ö du Opfer“ eingekleidet. Die Farbe Rosa hat in den letzten 15 bis 20 Jahren die Farbe Rot in unzähligen Denkmal-Interventionen ersetzt. Rosa ist eine Referenz auf die Entmilitarisierung des antifaschistischen Aktionismus. Seit Mitte der 90er Jahre gibt es eine Antifa-Bewegung, die das sehr stark maskulin geprägte Bild des Antifaschismus und der Autonomen Antifa hinterfragt. Interventionen sind sehr oft die Voraussetzung für eine offizielle Umgestaltung von Denkmälern. Im Verlauf wird oft eine künstliche Trennung zwischen den Aktivisten und Aktivistinnen und weiteren Protagonisten, die sich von den Aktionen, die vorher stattgefunden haben, distanzieren, eingezogen. Mit der Farbe rosa wird der Zusammenhang zu den ersten Interventionen betont.

In Klagenfurt stehen zwei weiße Statuen zu dem NS-Massenmörder und späteren Tanzcafe-Inhaber Ernst Lerch, die völlig naiv und unschuldig ausschauen. Sie stellen Lerch und seine Frau in Tanzpose dar und wurden von den Nachfahren im Jahre 2000 aufgestellt. Diese Statuen entdeckte eine Wiener Tanzpädagogin gerade erst bei einer offiziellen Klagenfurter Stadtführung. Dieser NS-Massenmörder wird anscheinend nur über sein Tanzcafe erinnert! Was könnte man tun?

Wie man eine Auseinandersetzung mit dem Thema startet? Man müsste sich anschauen, wer die Opferverbände sind oder Gruppen, die sich mit den Opfern dieses Mörders identifizieren. Mit regionaler Verankerung in Klagenfurt, denn es wird in den USA Überlebende geben, die das sicher furchtbar fänden, aber keine Ahnung haben, wo Klagenfurt überhaupt ist. Wie ist der Entstehungskontext? Wie wird die Figur interpretiert? Je mehr von dem politischen Kampf schon gekämpft ist, desto leichter fällt der Prozess einer etwaigen künstlerischen Umgestaltung.

Langfassung des Interviews im Augustin:

https://augustin.or.at/einzementierte-geschichtsbilder/

 

 

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