Archiv für die Kategorie „Artikel“
Maghrebinischer Flüchtling statt Sehnsuchtsreise
Wie eine Privatperson dem Staat die Flüchtlingsunterstützung abnimmt: Die schöne Stadt Villach verfügt über tschetschenische Internetcafes, MigrantInnenberatungsstellen auch für Roma, die als Galerie dienen, und tolle Ausstellungs- und Konzert-Orte wie den „Kulturhofkeller“. Aber ziemlich dringend fehlt es an TherapeutInnen für Trauma-Schäden und – an einer Straßenzeitung.
„Bei mir darf er ja spinnen“, sagt B. im Kulturhofkeller in Villach und deutet mit der Hand auf M., der freundlich lächelt. „Und das nutzt er weidlich aus.“ Die beiden wirken wie ein altes Ehepaar, was sie aber nicht sind, sie leben bloß seit Jahren in einer Art Wohngemeinschaft zusammen und kennen sich genau. „Vor der Saualm war M. in einer noch viel grauslicheren Einrichtung, einer Vorzeigeinstitution für Flüchtlinge im negativen Sinn. Die mittlerweile gesperrt ist.“ B. wirkt ein bißchen müde und ausgebrannt, aber immer noch zäh und entschlossen. „In dem Heim gab es immer Brösel. Und keine Deeskalations-Maßnahmen. Die sitzen da aufeinander, die ganzen Flüchtlinge, mit ihren schlimmen Erfahrungen gemeinsam eingepfercht, ohne Perspektive. Es war urheiß und einige tranken in dieser nervenaufreibenden Situation auch noch Alkohol. Auf jeden Fall kriegte M. einen Schlag ins Gesicht und es kam zu einem Raufhandel. Dann hat man ihn und einen zweiten Araber auf die Saualm in die Sonderanstalt für straffällige Asylwerber hinauf geschossen“, erzählt B. weiter. „Obwohl er angegriffen worden war, ist er letztendlich als Einziger sitzen gegangen. Unter der Devise, er würde ins Krankenhaus kommen, brachte man ihn in einer Nacht-und-Nebel Aktion auf die Saualm hinauf.“
Die Räume zwischen den Wörtern hassen
Venediger Kunstbiennale und „Salon der Angst“ auf der Suche nach dem Zipfel des Universums: Machen Menschen „mit besonderen geistigen Bedürfnissen“ die spannendere Kunst? Von Obsessionen, Systemen und Strukturen: In die venezianische Biennale-Wunderkammer ist sehr viel „Art Brut“ eingeflossen. Im Wiener „Salon der Angst“ dominiert „das Abbild“.
Antiheldenhafte Serien-Kunst, bildhafte Obsessionen, eifrige und fleißige Suche in Systemen und Strukturen: Die Kunst Biennale in Venedig zeigt unter dem Titel „Der Palast der Enzyklopädie“ sehr viele „Art Brut“-Kunstwerke. Was war vorher, die Wissenschaft oder die Kunst? Oder die „Abnomalien“? Oder entstand die Wissenschaft, indem forschende Wächter die „Narren“ und „Närrinnen“ zu beobachten begannen, in den runden „Narrentürmen“, den Vorläufern der Gefängnisse – wie der französische Philosoph Michel Foucault schreibt? Ist Kunst eigentlich sowieso Obsession, oder nur ihre Ausführung und Bearbeitung? Der italienische Kurator Massimiliano Gioni wollte mit seiner Enzyklopädie-Biennale „einen Zipfel des Universums erhaschen“.
Karl Markovics muss ins Theater
Shakespeare Stück „Der Sturm“ in Probe.
„Sind Sie der, von dem wir denken, dass Sie es sind?“, fragt ein großgewachsener Jugendlicher den Schauspieler Karl Markovics, der auf offener Straße in einem Kaffeehaus sitzt. Vor lauter Freude schenkt der junge Mann eine Karotte her – „leider nicht die Pizza“, meint Markovics dazu und futtert die Karotte. „Ich brauche immer konkrete Bilder“, sagt er über seinen ersten Film, den genialen Kinoerfolg „Atmen“, der klare Farben lieferte, minimalistische Szenen und Charaktere, wie reduziert auf ihr Wesentlichstes. In enger Zusammenarbeit mit dem Kameramann setzte der Neo-Regisseur seine inneren Bilder um. „Ich bin ja sehr genau“, sagt er und wirkt live sehr ähnlich seinen Charakteren in „Kommissar Rex“ und „Stockinger“. „Manchmal spießte es sich schon. Ich höre aber nie auf, bevor es genau das war, was ich wollte“. Er arbeite über den Raum, „Michale Haneke baute sogar eine Wohnung nach“, lächelt er wissend. „Was Absurdes zu erfinden, was nicht Hand und Fuß hat, interessiert mich nicht“, sagt der Film-Erzeuger eines Jungen, der in der Tiefe eines Schwimmingpools beim Luftanhalten seine Fluchtlinie sucht, Ruhe und Stille und von dem man nie weiss, ob er wieder auftauchen wird. „Schon als Kind wusste ich, dass ich Geschichten entwickeln, meine eigenen Sachen erschaffen werde. Film ist allumfassend, man erschafft eine Welt.“
Reger Besuch in isolierten deutschen Flüchtlingslagern
Flüchtlingsfrauen in Deutschland möchten, dass desolate und isolierte Lager geschlossen werden. Sie wollen ihre Gewalterfahrungen in Ruhe und Würde aufarbeiten. Eine Konferenz von Flüchtlingsfrauen in Hamburg zeigte die Unterschiedlichkeit, aber auch die Stärke der 150 trotz Residenzpflicht angereisten Protagonistinnen.
In der Ferne glitzert die Elbe, man sieht die Schiffskräne des Hamburger Hafen. Quer über die Längsseite der Aula einer Tagesschule auf St. Pauli verläuft eine Glaswand, durch die die Teilnehmerinnen der gut besuchten Flüchtlingsfrauen-Konferenz Tausende von Marathon-LäuferInnen beobachten können, die den Hügel hinab und die Hafenstraße entlang laufen. Schiffe tuten in der Ferne. „Du kannst sogar alleine die Isolation in deinem Flüchtlingslager überwinden“, sagt eine iranische Filmemacherin, die selbst als Flüchtling nach Deutschland kam. „Gegen die Isolation hilft ein Dokumentieren deiner Situation, mit Text, Foto oder Film. Dann kannst du das Resultat zu anderen bringen und die draußen können die Situation sehen.“ Die Iranerin ist ein lebendiges Beispiel für eine Flüchtlingsfrau, die es geschafft hat, sich trotz aller Hürden ein eigenständiges Leben in Deutschland zu erarbeiten. „Isolation“ ist hier das bestimmende Wort, das in fast jedem Redebeitrag vorkommt.
Josef Weinheber: „Am tiefsten ergreift der Tote, der Dulder aus Eis!“
Kunstaktion gegen den Weltuntergangsdichter und gläubigen Nazi Josef Weinheber. Ein schweres Betonfundament für die Büste eines antisemitischen Dichters und Protest gegen poetische Todespropaganda: Junge Künstler_innen unterhöhlten am Wiener Schillerplatz das Andenken an Josef Weinheber, der Todesliebe und Geschlechterhaß bedichtete.
Josef Weinheber ist ein gefährlicher Mann. Denn, auch wenn sich der antisemitische Dichter am 8. Mai 1945 selbst umgebracht hat, so leben Teile seiner lebensfeindlichen ideologischen Welt bis heute fort. Josef Weinheber war sich bewußt, dass sein Aufenthalt in Korrektionsanstalt und Waisenhaus, in dem seine 14-jährige Schwester als seine letzte Familienangehörige starb, tiefe Folgen für seinen Charakter hatte. Er beschrieb sich als „Niemandsmann“ und veröffentlichte einen ganzen Roman über seine Zeit im Waisenhaus. Weinheber „arbeitet sich“ von seinen Kindheitstraumata zu einem gewaltigen Frauenhaß „vor“, der in einer (in seiner Zeit üblichen) Verankerung „des Weiblichen“ in Sünde, Triebhaftigkeit und Geistlosigkeit fußt, obwohl er mit zwei schreibenden Frauen verheiratet war. Während er Selbstverlorenheit und Selbstauflösung in sexuellen und alkoholischen Räuschen sucht, wirft er diese aber dem „Gott-Tier und Satan Weib“ vor. Die Soldatenbriefe von der Front, mit der klassischen Aufteilung in „heilige Mütter“ und „zerstörerische Huren“, die Klaus Theweleit publizierte, sind auch schlimm, aber Weinheber geht sogar bis zur Propagierung von „Schändung“, wie der Germanist Albert Berger in seiner genauen Analyse heraus fand*!
