Die Arbeit der Erniedrigung
Den Bildern aus dem Erstaufnahmezentrum von Traiskirchen entströmt eine gewisse Leere. Bilder aus Flüchtlingslagern führen in einen „zentralen Strudel“.
„Der Krieg ist keine Sache der Gefühle. Er ist eine Sache der Abwesenheit von Gefühlen. Ebendiese Leere ist das Kriegsgefühl“, schreibt Georges Didi-Hubermann in „Remontagen der erlittenen Zeit“. Ich weiß noch genau, wann mich dieses Gefühl der Leere in meiner eigentlich journalistischen Arbeit mit Flüchtlingen das erste Mal überkam: Das war, als eine wunderschöne junge Frau aus dem Kongo neben meinem Schreibtisch stand, in der Redaktion unserer Flüchtlingszeitung, und geduldig wartete, ob ich einen Schlafplatz auftreiben würde. Ich wusste genau, wenn ich nichts für sie finde, wird sie die Nacht wieder bei irgendeinem österreichischen Mann verbringen müssen – der Lohn für seinen Schlafplatz einforderte oder auch nicht. Dabei war sie zu uns in die Zeitung gekommen, nachdem sie aus der Prostitution ausgestiegen war. Sie suchte eine andere Möglichkeit, finanziell zu überleben. Um unsere Flüchtlings-Zeitungen am Westbahnhof zu verkaufen, zog sie einen langärmeligen, schwarzen Pullover und weite Jeans an. Trotzdem schwirrten die österreichischen Männer „wie die Geier“ um sie herum. Wir mussten drei männliche Zeitungsverkäufer abstellen, um sie zu beschützen.
Morzinplatz,1945: eine Zelle mit vierzig Frauen
Von der Großmutter, die Fallschirmspringer versteckte, und zum Folteropfer der Gestapo wurde. Im Juni wurde das „Hotel Metropol“, ehemalige Gestapo-Zentrale, im Rahmen der Wiener Festwochen geschichtspolitisch durchleuchtet. Auch Jutta und Anna Vitek wurden am Morzinplatz von den Nazis gefangengehalten, weil sie feindlichen Fallschirmspringern Unterschlupf gewährt hatten. Ihr Sohn und Enkel Peter Schwarz erzählt erstmals öffentlich vom Widerstand seiner mutigen Verwandten. Kerstin Kellermann hat den Geschäftsführer des Psychosozialen Zentrums ESRA zum Gespräch getroffen.
In den Himmel sehen
Enkel bringt Armin Freudmanns Gedichte zum Leuchten.
Durch Sprache eine gewisse Distanzierung erreichen und sich doch gleichzeitig einlassen auf die eigenen Gefühle: Diese Schwierigkeit drücken die Gedichte von Armin Freudmann aus, die er zwei Jahre lang im Konzentrationslager schrieb. Erst weigerte er sich noch. In dem Gedicht „Das Lagertagebuch“ meint Freudmann, dass der Vater dieses Tagebuchs „das Sinnen“ sei. „Seine Mutter wäre das Sehnen. Ich könnte es schreiben mit Tränen – es wäre ein Zeitvertreib.“ Seine Gedichte reimen sich vornehm und elegant, sind von zeitloser Ironie und zeigen die jüdisch-bildungsbürgerliche Erziehung des Kommunisten. „Doch müsst ich, mein Kind, dich verbergen, (…) weil Schreiben verboten mir ist. Sie würden dich finden und töten. Und auch ich würde umgebracht.“ „Mein Großvater gebar Gedichte“, sagte Eduard Freudmann, der Enkel, bei seiner Wiener Performance „The White Elephant Archive“ im Theater Hamakom. Seine Oma stellte ein Familien-Archiv zusammen, das in einer Kiste über seinen Onkel Gottfried zu ihm kam und Edi zehn Jahre lang obsessiv beschäftigte. Immer wieder entwarf der Künstler Projekte dazu, zweifelte aber und gab sie wieder auf. Nun fand er endlich eine Form, auf ganz eigene Weise für die dritte Generation nach der Shoah, einige der Ambivalenzen seiner Familiengeschichte darzustellen. Wie den Bruch, dass die Großmutter, eine Kommunistin nach Sowjetunion-Muster, aus Ärger über ihren Maoisten-Sohn, der in einem Flugblatt die Sowjetunion mit Hitler verglich, nicht mehr ihre eigenen Erinnerungen aufschrieb.
Der Sound der Heiligengeistschlucht
Den Berg hinauflaufen, um NS-Flüchtlingen nachzuspüren: Der Filmemacher Gregor Franz Waltl wünscht sich eine gemeinsame Aktion aller NachbarInnen an der steirisch-slowenischen Grenze, um sich der jüdischen Flüchtlinge und der PartisanInnen zu erinnern, die die Sveti Duh- (Heiligengeist-) Schlucht benutzten, um den Grenzkamm zu erreichen. Mit seiner Kopf-Kamera rannte er den Berg hinauf. Kerstin Kellermann über eine ungewöhnliche erinnerungskulturelle Anstrengung.
Der Überflieger
Von grandiosen Bruchlandungen und den mörderischen Handlungen des „falschen Selbst“ das „richtige“ zu retten. Ein Versuch, sich den Mord an 159 Menschen durch die Hypothesen der Psychoanalytikerin Alice Miller zu erklären.
Es gibt schon Möglichkeiten, extrem seltsames Verhalten zu beschreiben, ohne auf die klassischen psychiatrischen Diagnosen zurückzugreifen. Man kann es zumindest probieren, den Mord an 159 Menschen näher zu untersuchen. „Das sind abgespaltene Zustände der Seele“, sagte ein Psychiater im Fernsehen, denn anscheinend kam eine andere Persönlichkeit, eine neue Figur in dem Co-Piloten des Fluges 9525 German Wings zum Vorschein. Das „falsche Selbst“ vernichtet das „wahre Selbst“, wenn es keine Möglichkeit, keine Hoffnung mehr sieht, wie das „wahre Selbst“ leben könnte, ist die Theorie der Shoah-Überlebenden und Psychoanalytikerin Alice Miller. Das „falsche Selbst“ übernimmt die völlige Kontrolle. Miller argumentiert entlang den Modellen Grandiosität/Innere Leere und Depression, zwei Seiten einer Medaille. Ohne seinen Flugschein hätte es für Andreas L. keine Möglichkeit mehr gegeben, seine Grandiosität durch das Steuern riesiger Flugzeuge zu erleben. Ohne Freundin keine Möglichkeit mehr, Grandiosität zu demonstrieren, wie noch durch den Kauf von zwei Audis kurz vor der Trennung. Diese grandiosen Lösungen zur Abwehr von Depression und innerer Leere funktionierten nicht mehr. Die Grandiosität brach in sich zusammen. Es ist zu einfach zu sagen, man kann nicht alle schrecklichen Zustände der Seele des Menschen erklären, denn unsere Gesellschaft fördert das Grandiositäts-Modell, viele Menschen leben ihr „falsches Selbst“, übernehmen sich und wer am Grandiosiätsmodell scheitert, wird aussortiert. Es folgt zumeist eine Bruchlandung auf der Straße.