Im Konsens entscheiden und im Turnus putzen
Am Kommunentreffen „Los geht’s“ wird das Leben vor der Revolution geplant: Unter dem Stichwort „Los geht’s!“ treffen sich seit einigen Jahren Kommunen und Hofkollektive, um sich über ihre soziale und ökonomische Praxis auszutauschen und gemeinsam an Zukunftsideen zu spinnen. Heuer hat das Hofkollektiv Zwetschke in der Nähe von Zwettl eingeladen. Die interessierte Zuhörerin erfuhr, dass Häuser aus Wolle derzeit um vierzig Prozent reduziert sind, das Wasser im Bauwagen ein Luxus ist und dass die Anarchie 1936 in Spanien aufblühte.
Ein leerer Raum in einem alten Bauernhof, Teppichstücke über Holzboden, die Zwettl rauscht durch die Fenster herein. An der unverputzten Wand hängen Fotos von einem landwirtschaftlichen Kollektiv im spanischen Levante, der iberischen Ostküste, im Jahre 1937. „Anarchosyndikalismus: Die meisten Kollektive wurden von der anarchistischen Gewerkschaft CNT getragen“ und standen „gegen den dumpfen Drang andere Menschen zu unterdrücken und auszubeuten“, ist zu lesen. Doch, kleine Warnung: „Kaum jemand würde die so erkämpften Freiräume schon für die erträumte Gesellschaft halten.“
Ösi-Dichter gingen unter
Das Land muss spielen lernen – seine Autoren können es bereits.
Schon 18 Länderspiele absolvierte das „Österreichische Autoren Fußball Team“ in den letzten Jahren. Nun ging es gegen die israelischen Kollegen. Der gelernte Schriftsetzer Gerhard Ruiss, Geschäftsführer der IG Autorinnen & Autoren, hoffte heuer auf einen Lyriker im Tor der Israelis. Doch es war ein Prosa-Schreiber, und die Mannschaft der österreichischen Schriftsteller verliert prompt mit 6:1 gegen die Israelis. Größen wie Egyd Gstättner oder Martin Amanshauer bemühten sich umsonst. Letztes Jahr gegen Schottland waren es nur 3:1.
Prater: „Das Ruder nicht aus der Hand geben“
Tochter des Wiener Wurstelpraters und einer Geisterbahn-Mutter: Die Autodrom-Chefin Katja Kolnhofer entstammt einer der ältesten Familien des Wiener Wurstelpraters. Nun möchte sie hinter ihrem „Super-Autodrom“ noch ein Fahrgeschäft, eine Attraktion hinstellen.
Am Rande des Autodroms stehen zwei ältere Damen und schauen sehnsüchtig in die Runde, während eine Frau mit Kind im Autochen mit Gummiumrandung sichtlich Spaß am Zusammenstoß mit anderen elektrischen Wägen hat. Katja Kolnhofer, die Chefin des „Super-Autodroms“ mitten im Wiener Wurstel Prater, besitzt ihre eigene, in sämtlichen Regalen bis obenhin vollgestopfte, Werkstatt. „Oft bricht eine Lötstelle am Wagen, das ist schnell gemacht, manchmal muss man Kabel nachziehen oder frisch anlegen“, fuchtelt Kolnhofer mit dem Lötkolben in der Luft herum. „Die 28 Autos sind bereits dreißig Jahre alt, es ist täglich etwas hin. Aber sie sind an sich schon sehr robust, ähnlich wie mein alter Einser Golf!“, lacht sie. Katja Kolnhofer stammt aus einer der alten Familien im Prater, vor 56 Jahren baute ihr Urgroßvater mit seinem Bruder die Vergnügungsbetriebe auf. 1921 von Ungarn nach Österreich ausgewandert, mietete Uropa Philipp Kolnhofer das allererste Cafe-Restaurant in der Prater Hauptallee an. Später übernahmen die beiden noch ein zweites Cafè-Restaurant in der Hauptallee und verpflegten Zwangsarbeiter. Nach dem Zweiten Weltkrieg engagierte sich sein Sohn, Philipp Kolnhofer II., als Obmann des Praterverbandes und half bei der Entnazifizierung und Neuparzellierung tatkräftig mit.
Dabernig: Die Leere rocken
Der Bildhauer, Filmemacher und multimediale Künstler Josef Dabernig im mumok: Nach Jahrzehnten voll komplizierter Zahlenkunst drehte Josef Dabernig Filme mit sehr persönlichem Zugang. Humor, sagt er, sei ein „Selbstbehauptungs-Vehikel“ in disziplinierenden Strukturen.
Schlurfs, Schimmler, Selbstverstümmler: Widerständiges Sandleiten
Wenn die Politik sich nicht aufraffen kann, zukünftigen Generationen den Zusammenhang von Repression und zivilem Ungehorsam in Erinnerung zu rufen, muss die Kunst einspringen; im Falle des „roten“ Sandleitenhofs im 16. Bezirk taten das die Engagierten rund um das SOHO IN OTTAKRING-Projekt.
Kein Denkmal in der riesigen Gemeindewohnanlage aus den 1920er Jahren erinnert beispielsweise an die zwanzig jüdischen Menschen, die 1938 ihre Wohnungen verlassen mussten. Auch im Kongressbad gibt es keine Hommage an die hingerichteten jugendlichen Deserteure. Eine Tafel für den Widerstandskämpfer Heinrich Klein ist immerhin in Planung. Innerhalb von zwei Wochen mussten die Zwanzig im August 1938 ihre Sozialwohnungen verlassen. Emil Libesny, Klavierstimmer, Rudolf Spielmann, Steindrucker, Hermann Ratyn, Schriftsetzer… Kündigungsgrund nach den Akten des Bezirksgerichtes Hernals: Nichtarier. „Der Angeklagte ist schuldig, die Wohnung zu übergeben“, schrieb das Gericht. Marie Spielmann, die Tochter von Rudolf Spielmann protestierte: Ihr Vater sei Soldat im Ersten Weltkrieg gewesen und leide an den Kriegsverletzungen. Es nutzte nichts. Siegmund Feldmar, Schuhmachermeister, Erwin Adler, Kaufmann. Die Geschäftsfrau Margarethe Gorbulsky schickte ihre Einwände an die Behörde: Ihr Mann erblindete nach dem Kriegsdienst und Flecktyphus vollständig. „Ich selbst bin derzeit im achten Monat schwanger. Wir haben die Ausreise vorbereitet“. Das Kündigungsschreiben an David Klein aus der Gomperzgasse 1-7, Stiege 2, Tür 5 konnte nicht zugestellt werden, da er sich in Dachau befindet. Auch der Ledergalanteriearbeiter Karl Freud und sein Vater endeten nach der Delogierung in Dachau.



