postheadericon „In Schönbrunn durfte man nicht hausieren“

Flammender Flaschenbaum, Fischschwanzpalme, Sauersack aus Südmexiko: Anlässlich von „100 Jahre Gärten der Republik“ führte ein Bundesgärtner durch das Palmenhaus in Schönbrunn.

Fotos: Lisbeth Kovacic

 

„Der Burggarten mit seinem ersten Glashausbau, dem Remyschen Glashaus, war erst nur für die Kaiserfamilie bestimmt und zeigte Pflanzen aus der ganzen Welt, die extra aus anderen Kontinenten importiert wurden und die in Europa erstmals von Menschen gesehen wurden“, erzählt Bundesgärtner Daniel Rohrauer. Auf verwunderte Blicke des Publikums folgt der Nachsatz des Gärtners: „Als Mensch hat damals nur der Europäer gegolten.“

1901/02 wurde das sogenannte Remy’sche Glashaus, benannt nach dem Architekten Ludwig Gabriel von Remy, durch ein neues ersetzt. Die Umbauten im Burggarten in dieser Phase seien durch Otto Wagner inspiriert worden, das hätten neue Archivrecherchen ergeben, so der Gärtner. Fix ist, dass Hofgärtner Vetter 1864 nach Sizilien gefahren ist und von einer Sammelreise mit 223 neuen Zitronenbäumchen zurückgekehrt ist, von denen sind heute noch 46 am Leben. Oder die Azaleen wurden aus dem Züchtungszentrum Sachsen importiert, der saure Torf-Boden dazu aus dem ganzen Kaiserreich.

Eine gute Schnurre gibt es auch zu erzählen: Nach dem Zweiten Weltkrieg sollen die Gärtner_innen nur noch mit Helm ins Palmenhaus im Burggarten gegangen sein – bis zum Einsturz der Reichsbrücke. Der Auslöser dafür, das Palmenhaus wegen Statik-Problemen zuzusperren. Als Ausweichquartier diente das frühere Sonnenuhrhaus (und heutige Wüstenhaus) in Schönbrunn. Das Palmenhaus im Burggarten wurde 1990 wieder eröffnet, somit konnten die Schmetterlinge im freigewordenen Sonnenuhrhaus in Schönbrunn Platz finden. Dort blieben sie acht Jahre, bis das Schmetterlinghaus in den Burggarten übersiedelt wurde, wo es sich nach wie vor befindet.

Ausgesetzte Kamelien

Josef II. öffnete Schönbrunn für die Bevölkerung heißt es immer, aber in Wahrheit wurde nur ein kleiner Teil geöffnet. „Und auch nur für Bürger und den niederen Adel“, erklärt der

Gärtner. „Es gab Wachsoldaten an allen Eingängen und man durfte nicht alkoholisiert sein, nicht hausieren oder betteln und man musste gut gekleidet sein.“ Franz Josef nahm sich das Palmenhaus in London als Vorbild, die größte Botaniksschau der Welt, in Kew Gardens. „Die können leicht reden, die größte Sammlung Europas zu sein, denn die können ihre Kamelien aussetzen“, kommentiert unser Guide. Sachen gibt’s! Damals zahlte man sogar einen Helium Luftballon, um Fotos aus Vogelperspektive zu machen. „Ein eigener K. und K. Hofgarten-Aufseher war mit eigenem Rastplatz permanent vor Ort. Die Kaiserfamilie brachte Pflanzen aus Schönbrunn in den Burggarten. Franz der I./II. war eher Pragmatiker als Botaniker. Er bestimmte selbst Pflanzen und hatte goldenes Werkzeug, das liegt in der Schatzkammer. Bei der Revolution 1848 lagerten die Soldaten, die den Kaiser schützen sollten, in der Orangerie in Schönbrunn und feierten Gelage. Sie soffen Bier, das damals gesalzen war und leerten ihren Unrat in die Pflanzen. Zum Schutz der Pflanzenkübel mussten Wachsoldaten aufgestellt werden.“

Kein Verkauf

Die orangenen Dukatenfalter fliegen nur bei Sonne. Der Glasflügler verpuppt sich drei bis fünf Wochen lang. Die Puppe des Bananenfalters lebt „als stabile Population“ in den Einbuchtungen der Bananen im Wiener Schmetterlinghaus. Skurille Informationen wie aus einer anderen Welt erhält man im hohen Glashaus im Burggarten. Wiener_innen interessieren sich für ihre Insekten in der Großstadt: „Der Hirschkäfer wartet je nach Witterung drei bis acht Jahre lang in einem morschen Eichenstamm. Doch Hirschkäfer leben nur einige Wochen zur Vermehrung, dann verhungern sie innerlich. Jedes Jahr rufen uns Leute an, was mit den Hirschkäfern in Schönbrunn los sei“, lächelt Daniel Rohrauer, der die Führung zu „100 Jahre Gärten der Republik“ macht. Aufwendig sei es, mitten in der Großstadt, Traditionen, die noch aus der Kaiserzeit stammen, aufrechtzuerhalten.

Es gibt 25 bis 50 unterschiedliche Sorten Schmetterlinge im Wiener Schmetterlinghaus, das die Stephen Fried GmbH in Kooperation mit dem Lebensministerium und den Bundesgärten betreibt. Gezüchtet werden Schmetterlinge auch in Asien. Ein paar Tage sind die Puppen in einer Postbox unterwegs, angeklebt mit Naturwachs – sie werden extra gezüchtet und nicht der Natur entnommen. Auf der Schmetterlinghaus-Homepage steht Klartext: „Wir fangen KEINE Schmetterlinge in der freien Natur und zeigen keine vom Aussterben bedrohte Arten. Wir verkaufen unsere Schmetterlinge auch nicht an Sammler“. So züchte auch gerade die japanische Botschaft den Schmetterling Großer Violetter im Zoo Schönbrunn, erzählt Gärtner Rohrauer: „Bei Fütterung mit anderen Zürgelbäumen als dem japanischen Zürgelbaum häutet sich die zweite Generation noch, aber schon die dritte Generation nicht mehr.“

Geschmuggelte Kastanien

Zwanzig Millionen Besucher_innen verzeichnen die Wiener Bundesgärten jährlich. Im Belvedere gibt es manchmal indische Hochzeiten, bei den Schmetterlingen heiraten eher Japaner_innen und Koreaner_innen. Von hinten kommt man vom Palmenhaus aus durch einen „Versorgungsgang“ aus Backstein in das Schmetterlinghaus im Burggarten. Diesen Gang hat man nach Napoleons Angriffen geschaffen. Das ursprüngliche Glashaus im Burggarten war tiefer angelegt. Am Ring wurde eine Kastanienallee angelegt. „Im klassizistischen Landschaftsstil, nicht sehr aufgeklärt – konservativ“, kommentiert der Gärtner mit dem Detailgedächtnis, der eigentlich in Schönbrunn arbeitet. „Das passt nicht.“ Vielleicht, weil die Rosskastanien 1556 in Konstantinopel geklaut und im Diplomatengepäck nach Wien geschmuggelt wurden?

Schauplatz Schönbrunn

Auch die Bundesgärten in Schönbrunn haben natürlich viel mit den Kaisern zu tun. Kaiser Josef II. eröffnete zum Beispiel 1778 die Menagerie in Schönbrunn für alle Besucher_innen, sie war unentgeltlich zugänglich. 1898 wurde dann die erste Giraffe „begeistert aufgenommen“.

„Anders als in den Museen der Moderne waren Kunst, Naturalien, Exotica und Kuriositäten in Schönbrunn nicht getrennt“, erzählen die Kuratorin und erneut „unser“ Bundesgärtner Daniel Rohrauer bei einer zweiten Führung, jetzt im Palmenhaus Schönbrunn, über die Kunstkammer des Kaisers. 1555 wurden Tulpenzwiebeln nach Wien gebracht und statt „des falschen Begriffs Tulipan wäre der korrekte türkische Name Lale für Tulpe gewesen.“ Im Palmenhaus Schönbrunn stehen drei Ward’sche Kästen, kleine Glashäuser, mit denen Pflanzen auf Schiffen transportiert wurden. Gedrehte Kostwurz, Dessert-Banane, Purpur-Sonnenhut. Der Flieder kam unter Kaiser Maximilian dem II. aus dem Osmanischen Reich nach Wien. Flammender Flaschenbaum, Fischschwanzpalme, Sauersack aus Südmexiko. So viele „ausländische“ Pflanzen in Österreich. „Wir waren ja mit den Türken lange Zeit ganz anders verbandelt, als wir heute tun“, sagt später eine ältere Dame im Kaffeehaus und lacht. Sie will noch ein einziges Mal mit dem „Tschinakl“ nach Istanbul fahren, bevor sie zum Abtreten bereit sei.

 

Erstveröffentlichung im Augustin vom 24. 4. bis 7. 5. 2019 (gekürzt)

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